Fotos: Stefan Müller
Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität, Berlin
Architekt: Max Dudler (Zürich/Berlin)
Bauzeit: 2006-2009
Architekturen // Universitätsbibliothek
"Aber wir brauchen Platz, Freunde, viiiel Platz!"
Praktische Nutzbarkeit und ästhe-tische Brillanz sollten in der Bau-kunst eigentlich Hand in Hand gehen, sonst ist es keine Baukunst. Gäste der neuen Bibliothek klagen jedoch im Netz über fehlenden Platz, zu wenige und zu enge Garderobenfächer, unpraktische Treppen und Fahrstühle etc. Die Klagen stehen in auffälligem Gegensatz zu den vielen Aus-zeichnungen und dem positiven Presse-Echo auf den Dudler-Bau.
Die Brüder Grimm verbrachten die letzten 20 Jahre ihres Lebens in Berlin. Das neue Zentrum enthält ihre Privatbibliothek.
"Da möchte man glatt noch mal Student sein!"
Fischpass
Bauspiele
Militärhistorisches Museum
Schlosshotel
Schiefermahlwerk + Kulturhaus
Universitätscampus
Evangelische Freikirche
Grimm-Zentrum
Regionale Schule
Bürohaus Dockland
Vinothek
Neue Synagoge
Hummerich-Halle
Food Hotel
Forum Confluentes
Mehrgenerationenhaus
Steinskulpturen-Museum
Lava Dome
Glashaus
Künftig werde ich neue Architektur nur noch dann aufnehmen, wenn sie den Praxistest bestanden hat. Auch das Feedback der Nutzer muss positiv sein. Dies ist um so wahrscheinlicher, je mehr ein Architekt auch mit diesen in Kontakt tritt und nicht nur mit Investoren, Verwaltungen oder seinesgleichen verkehrt. Allerdings gelingt der Spagat zwischen sozialer Verantwortung und Abhängigkeit von den Eliten den meisten Architekten nur schlecht; soziales Engagement wirkt oft aufgesetzt.* Man kann zum Beispiel gespannt sein, ob einem Arno Brandlhuber nach seinem hochgejubelten Berliner Galeriebau auch mal etwas mit einer Suppenküche gelingt.
(Die Ikone der linken Architektur-
"Guerilla" entwarf vor kurzem übrigens einen luxuriösen Wohnriegel am Alexanderplatz
- der Duft der Fleischtöpfe war offenbar zu verlockend. Das Projekt wurde aber - zum Glück für Brandlhubers unbefleckten Ruf? - wieder abgeblasen.)              
"Etwas Unpraktisches kann nie schön sein." (Otto Wagner, Wiener Jugendstil-Architekt)
Speicher aus Stein statt Märchenschloss
Für seinen Neubau des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums der
Berliner Humboldt-Universität erhielt der Architekt Max Dudler
zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Deutschen Natursteinpreis.
Laut der Jury des Deutschen Naturwerkstein-Verbands, der den
Preis alle zwei Jahre vergibt, besticht der Bibliotheksneubau "durch
seine körperliche Präsenz im Stadtraum. Die enorme Kubatur des
Gebäudes wird wohltuend strukturiert, geschichtet und gegliedert.
Der Bau mit seiner Wucht und zugleich Feingliedrigkeit wird nicht
zuletzt durch die differenzierte Fassade aus Naturstein veredelt."

Gelblich gebänderte Fassade

Die Fassadenstützen des "kubischen Wissensspeichers" (Dudler)   
sind aus gelblich gebändertem Jurakalkstein gefertigt, der im Farb-
ton mit den Gebäuden des zentralen Bereiches von Berlin korres-
pondiert. Das an den Steinoberflächen verwendete Wasserstrahl-
verfahren hebt die natürliche Steinstruktur hervor. Mit der Preis-
vergabe soll demonstriert werden, dass der Baustoff Naturstein
vorbildlich ist in Sachen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit.
Architektur als Lebensqualität

Der Schweizer Architekt Dudler plante bereits das Bewag-Haus  
am Gendarmenmarkt sowie den Neubau des Bundesbau- und
Verkehrsministeriums in der Invalidenstraße. Nach seinen Ent-
würfen entsteht voraussichtlich ab 2018 das neue Besucher-
zentrum des Bundesrats. Dudlers Credo lautet: "Die gebaute
Umwelt beeinflusst die Qualität unseres Lebens. So gesehen ist
Architektur nichts anderes als Lebensqualität." Leider scheint  
dies beim Grimm-Zentrum - falls überhaupt - nur für die Hülle zu
gelten. Je größer die Objekte sind, desto größer droht der Abstand
zu den Nutzern zu werden. Nichts vermittelt intensiver das Gefühl,
etwas aufzubauen, als zu bauen. Nichts vermittelt aber auch
intensiver das Gefühl, Mist zu bauen, als falsch zu bauen, sei es
wegen Baupfuschs, selbstherrlicher Architekten oder verfehlter
öffentlicher Baupolitik.
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Wer nicht aufpasst, fällt durchs Raster

Die nach den Brüdern Grimm benannte Bibliothek ist mit rund   
zwei Millionen Bänden die größte Freihandbibliothek im deutsch-
sprachigen Raum. Gewollt spektakulär mutet der 70 Meter lange,
zwölf Meter breite und 20 Meter hohe Lesesaal mit seinen ge-
treppten Leseterrassen an. Die streng symmetrischen Raster-
öffnungen, die die Decke und Wände des Saals beherrschen, sollen
wohl Bücherregale symbolisieren. Zugleich treiben sie die in der
deutschen Hauptstadt grassierende "Rasteritis" des modernen
Bauens - jetzt sogar im Innern eines Gebäudes! - auf die Spitze*.
Vielleicht hilft das Repetitive dieser Architektur ja beim Lernen,
denn auch Lernen ist repetitiv. Vielleicht wirkt es aber auch ein-
schläfernd und damit kontraproduktiv.
Keine Löcher im Käse, aber trotzdem Käse: Rasterarchitektur ist eine Architektur der Introversion, der Unfreiheit, die offenbar hervorragend zur deutschen Mentalität passt.                                                                                       Foto: Wikipedia                                                                 
*) Man kann die Raster- auch als Burka-Architektur bezeichnen: Gebäude hinter Voll-
verschleierung, eingesperrt in steinerne Käfige, Ausdruck einer moralinsauren Republik mit
Jurys - und natürlich Baubehörden - voller Puritaner. Repräsentierte der Potsdamer Platz
vergleichsweise noch einen unerhörten Kreativitätsausbruch, eine anarchische Vielfalt an
Formen und Fassaden, so prägt heutige Berliner Großprojekte wie die Europacity ein
kollektiver Gestus der Angst. Der Elan der Wiedervereinigung, der Politik, Bauherren und
Architekten in den 1990er Jahren noch couragiert auftreten ließ, ist verschwunden. Statt-
dessen regieren jetzt wieder Verzagtheit und die deutschen (Un-)Tugenden der Nüchtern-
heit und Strenge. Jeder will (soll) der Unscheinbarste sein - Deutschland macht sich klein
statt fein. Regula Lüschers Schließfächer für Büroarbeiter beim Hauptbahnhof beerben 
Erich Honeckers Schließfächer für Arbeiter in Marzahn-Hellersdorf.

Ein herausragendes Beispiel dieser Zombie-Architektur, diktiert von einer restriktiven
Berliner Baupolitik, ist Jürgen Engels sklerotisch-bleichgeripptes Bürohaus am Humboldt-
hafen. Der Bau mit seiner völlig missratenen  Arkadenzone sieht aus wie ein Hochsicher-
heitsknast für White-Collar-Insassen. Das "grünste" Bürogebäude der Hauptstadt ist
zugleich das toteste. Dass der Architekt auch anders kann, zeigt sein fulminanter Neubau
der Chinesischen Nationalbibliothek in Peking. Aus Angst nur Mittelmaß zu sein oder
zuzulassen ist eine Beleidigung für das, was möglich ist.
*) Ebenso unredlich wirken
Baukünstler, die keine Künstler
sein wollen. Sie wollen wohl eher
nicht für ihre Schöpfungen haft-
bar gemacht und auch nicht als
Elite identifiziert werden - obwohl
sie mit der Nicht-Elite meist gar
nicht in Kontakt stehen. Ergebnis
dieser Dienst-nach-Vorschrift-
Mentalität ("Ich mache nur, was
mein Kunde will") ist etwa
München, Europas Hotspot der
architektonischen Langeweile -
oder kann man sich die Stadt als
Drehort für "Fast & Furious"
vorstellen? ;-)