Architekturen // Themenhotel
Hier schlaf' ich richtig
Feel good unterm Markenhimmel - Food Hotel, Neuwied
Architekt: Alexander Stenzel (Neuwied)
Bauzeit: 2009-2010
"Die Menschen lieben die Verbindung von Außergewöhnlichem
und zugleich Vertrautem." Der Geschäftsführer des Hotels
"Hau' ihnen die Sterne um
die Ohren, Dicker! Wir lie-
ben ganz andere Lebens-
mittel."
Auch der Bauch kommt auf seine Kosten
Das erkenntnisfördernde Hotel trüge seinen Namen aber zu Unrecht, wenn es nur
Lebensmittel in effigie zu bieten hätte. Daher serviert ein Restaurant regionale und sai-
sonale Gerichte mit Bioqualität und frischen Zutaten, direkt vom Erzeuger, nicht aus
dem Supermarkt. Und steht, wie die ganze Unterkunft, außer dem Handelsnachwuchs
auch auswärtigen Besuchern - inklusive Touristen - offen. Der Leiter des Hotels rechnet
mit 25.000 Gästen im ersten Jahr. Er setzt auf die appetitliche Innenausstattung als
Erfolgsgaranten. In der Tat könnte es auf Bewertungsportalen bald sehr vertrauens-
würdig heißen: "Food Hotel lohnt sich." Oder: "Food Hotel. Dein Hotel." Oder: "Food
Hotel. Check-in für alle." Oder: "Food Hotel. Weil das Bett stimmt." Und die Küche
natürlich auch. Foodies, hereinspaziert!
Handelsfirmen als Zimmerpaten
Aus dem EU-Fonds für regionale Entwicklung flossen Zuschüsse in Höhe von 2,7 Mil-
lionen Euro in die Realisierung des Projekts. Unternehmen aus Industrie und Handel
gestalteten die 46 Gästezimmer produktspezifisch aus und zauberten zum Beispiel ein
Raffaello-Zimmer mit Südsee-Atmosphäre hervor. Oder ein Meßmer-Tee-Zimmer mit
dezentem Teegeruch. Oder ein Edeka-Zimmer, dessen Wände kurioserweise Fotos von
Büchern, nicht von Lebensmitteln zieren (gute Kost macht klug!). Im Supermarkt ist
Werbung nur Werbung, im Food Hotel darf sie Kunst sein, Räume inszenieren - aus
einem Mittel zum Zweck wird ein ästhetisches Ereignis, das die Welt der Nahversorger
vergrößert, in ihrem psychologischen Wert zeigt. Die Erinnerung an den vertrauten Akt
des Einkaufens, bei dem man Gleicher unter Gleichen ist und alle das gleiche Ziel haben,
entspannt und verhilft zu einem Superschlaf im "Supermarkt". Lebensmittel sind, wie
guter Schlaf, Mittel zum Leben. "Lass' die Nahrung deine Medizin sein", forderte
schon der große Hippokrates.
Das ist europaweit wohl einmalig: ein Vier-Sterne-Hotel, in dem die Bettwäsche mit
Süßigkeiten bedruckt ist, Einkaufswagen als Sessel dienen, an der Wand knallrote To-
maten prangen und die Betten aus Regalelementen bestehen. In dem ein Gerolsteiner-
Fahrstuhl die Gäste zu einem Veltins,- Tengelmann- oder Apollinariszimmer bringt.
In dem die Rezeption ein umgebauter Kassentisch ist und die Sauna die Form einer
Tiefkühlzelle hat.
Innendesign simuliert Supermarkt
Dieses neuartige Themenhotel hat zwar eine architektonisch unspektakuläre Hülle,
doch der Fokus liegt auf dem Innendesign. Und das beschwört mittels großformatigen
Fototapeten und Elementen aus dem Ladenbau die Atmosphäre eines Supermarktes
herauf. Der Geschäftsführer der neu eröffneten Herberge leitet auch die Bundesfach-
schule des Lebensmittelhandels in einem imposanten Basaltgebäude gleich nebenan.
Schon lange reichten die Übernachtungsplätze für die Schüler in dem alten Gästehaus
nicht mehr aus. Daher entstand die Idee, ein zur Fachschule passendes Hotel zu bauen -
das Konzept des Food Hotels im Supermarkt-Gewand war geboren.
"Entschuldigung, wo ist denn hier das Käfer- und das
Skorpionzimmer? Womit haben die Lümmel vier
Sterne verdient?!"